Internet, der neue soziale Treffpunkt?
Wirte erinnern sich wehmütig. Einst erfüllte die Gastwirtschaft als sozialer Treffpunkt eine bedeutende gesellschaftliche Aufgabe. Die Menschen trafen sich zum Bier, zum Stammtisch, zum Gespräch. Einst? Natürlich sind Kneipen noch heute beliebt. Aber die Wirte haben Konkurrenz bekommen. Es gibt einen neuen Lieblingssport für das Kennenlernen, treffen und reden: das Internet.
Das weltweite Internet verändert sich in einer in der Mediengeschichte bisher unbekannten Geschwindigkeit. Frank Schirrmacher zählte diese Veränderungen in seiner Rede zu Verleihung des Jacob-Grimm-Preises Deutsche Sprache 2007 zu den, „was ein Menschenleben an Beschleunigungen aushalten muss“.
Bis vor fünf Jahren bestand das Internet vor allem aus statistischen Seiten, die längere Zeit unverändert bereitgestellt und nur gelegentlich überarbeitet wurden. Heut ist eine Trennung von zentral verwalteten und individuell veränderbaren Angeboten oft kaum noch zu erkenne. Die neue Form, das Internet zu nutzen, wird als „Web 2.0“ (Internet 2. Ausgabe) bezeichnet. Einige Soziologen halten es für eine neue Gesellschaftsform, andre für eine platte Werbestrategie, mit der eine Menge Geld verdient wird. Der Begriff „Web 2.0“ bezeichnet keine Technik, etwa ein Programm, sondern das Zusammenwirken neuer Werkzeuge und einer veränderten Wahrnehmung des Internets. Hauptaspekt: Benutzer erstellen und bearbeiten Inhalte selbst.
Eine Studie der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten von 2007 veranschaulicht, dass Internatangebote anders genutzt werden als noch vor wenigen Jahren. Die meisten Zuläufe haben die freie Enzyklopädie Wikipedia, Bilder- und Videoangebote, wie You-Tube, auf denen sich Nutzer mit eigenen Bildern oder Videos präsentieren können. In sozialen Netzwerken wie Xing, MySpye oder SudiVZ werden berufliche oder private Kontakte geknüpft. Zu den stark wachsen Bereichen gehören auch sogenannte Webblogs (wie diese Webseite), auf den in kurze Abständen neue Einträge verfasst werden. Jeder Internetbesucher kann dort ohne Fachwissen Texte selbst ins Netz stellen oder andere Einträge kommentieren. Neben den Angeboten verändern sich auch die Nutzer. Dr. Jan Schmidt, Referent am Hamburger Jans-Bredow-Institut, weiß, dass es noch vor allem jüngere Menschen sind, die soziale Netzwerke nutzen: „Die Hälfte der Schüler hat in solchen Netzwerken ein eigenes Profil angelegt.“ Rasant steigt ab der Anteil der über 50-Jährigen, die mit einem schnellen Breitbandanschluss am Netz sind.
Wer sich in den neuen Internettangeboten umschaut, wird viel Englisches finden. Für Menschen, die nur wenig oder kein Englisch beherrschen, sind selbst deutschsprachige Diskussionsforen und Anleitungen dafür oft schwer verständlich und wirken abschreckend. „Die Terminologie ist Englisch, weil die neuen Formen des Netzes in den USA entwickelt wurde und dort viel weiter verbreitet sind“, betont Schmidt. Die Netzgemeinschaft in Deutschland hätte die Begriffe einfach übernommen. Die Gefahr, dass sich die Sprache einer Gruppe immer weiter vom Standarddeutschen entfernt und möglicherweise Teile der Bevölkerung ausgeschlossen werden, sieht Schmidt nicht.
Es entsehen aber auch Gemeinschaften, in denen darauf geachtet wird, dass Internetneulinge sich sprachlich zurechtfinden. Im April 2007 ging das Netzwerk Platinnetz auf Sendung. Es richtet sich vor allem an Menschen über 50, die sich über Lebenserfahrung, Reisen, Gesundheit, Kultur oder Lebensart austauschen. „Wir sorgen dafür, dass jene am Internet teilhaben können, die nicht damit aufgewachsen sind“, sagt die Platinnetz-Geschäftsführerin, Heike Helfenstein. Bei der Gründung von Paltinnetz sei darauf geachtet worden, dass die Sprache der Zielgruppe verwendet und dass der Netzauftritt klar strukturiert werden. „Neue Begriffe und Ausdrucksformen aus der Chatsprache haben wir natürlich übernommen. Sie werden aber jeweils erklärt“, berichtet die Unternehmerin.
Und die Wirte?
Werden die neuen Gemeinschaftsformen ihre Kneipen in die Pleite treiben? Medienwissenschaftler Schmidt verneint zuversichtlich: Das Internet erleichtert das Zustandekommen von Verbindungen, die früher nicht möglich gewesen wären. Und auch Heike Helfenstein beschwichtigt: „Es ist sogar die Regel, dass sich die Mitglieder von Platinnetz auch im wahren Leben treffen – zum Wandern, Kegeln oder Biertrinken“.
Textquelle: Artikel von Holger Klatte, www.vds-ev.de
Bildquelle: www.pixeliode, User: golwara
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Von Admin | 4. Juli 2008 | Kategorie: Nachrichten |


